Marcus H. Rosenmüller: „Viel kreatives Know-how“ von ARRI bei „Trautmann“

Marcus H. Rosenmüller: „Viel kreatives Know-how“ von ARRI bei „Trautmann“
324967764 ARRI Media VFX TRAUTMANN Making of

Bei Marcus H. Rosenmüllers neuem Spielfilm „Trautmann“ war ARRI gleich mehrfach involviert: als Koproduzent, als Kamera-Verleih und bei der Postproduktion. Im Interview spricht der Regisseur über die Zusammenarbeit sowie über Herausforderungen bei den Visual Effects und beim Color Grading.

 

„Trautmann“ erzählt die Geschichte des deutschen Kriegsgefangenen Bernd Trautmann (gespielt von David Kross), der als legendärer Torhüter in England Fußballgeschichte schrieb. Was hat Sie an diesem Stoff so fasziniert?

 

Ich finde das Thema hinter der Geschichte höchst spannend. Die oberflächliche Story ist schnell erzählt: Ein deutscher Kriegsgefangener in England wird beim Fußballspielen unter Soldaten entdeckt, zunächst von einem Provinzclub engagiert und schließlich von Manchester City als Torhüter unter Vertrag genommen. Die Fans finden das gar nicht gut, doch dann, im legendären Cup-Finale von 1956 im Wembley-Stadion, sichert Trautmann seiner Mannschaft den spektakulären Sieg – und erobert ihre Herzen. Als Sahnehäubchen bricht er sich noch einen Halswirbel, spielt aber die letzten 15 Minuten verletzt weiter. Er wurde in England als Held gefeiert und verehrt. Fußball ist das eine, aber dahinter geht es im Grunde um viel wichtigere Themen wie Vergebung und Versöhnung.

 

„Trautmann“ war nicht Ihre erste Kooperation mit ARRI.

 

Das stimmt. Für die Visual Effects in „Wer früher stirbt ist länger tot“ habe ich schon mit ARRI Media zusammengearbeitet. Und 2002 wurde hier mein Abschlussfilm für die Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF) – „Hotel Deepa“ – vom Cheftonmeister Tschangis Chahrokh gemischt. Was ich an der Kooperation mit ARRI so mag, sind die gute Qualität und die freundschaftliche Atmosphäre. Ich fühle mich dort einfach gut aufgehoben.

 

Ihr neuer Film spielt in der Zeit von 1944 bis 1957. Wie wurde mit dem Grading diese doch recht lange Zeitspanne visuell umgesetzt?

 

Wir wollten diese Zeitreise auch farblich mitmachen, allerdings ohne den typisch historischen Sepia-Look. Inspiriert haben uns letztendlich die Fotografien von Saul Leiter, dessen Bilder zwar in diese Richtung gehen, aber mit der charakteristischen Betonung des Rot-Tons. Als die Geschichte in die 1950-er Jahre hineinging, sind wir etwas bunter geworden, um den Wandel der Zeit sichtbar zu machen. Es ging wieder bergauf, deutlich spürbar auch an der Mode und der Musik. Wir haben uns mit dem Look an der Technicolor-Ästhetik der damaligen Filme orientiert.

 

War Ihre Visualisierung von Anfang an klar?

 

Das ist bei mir eher eine Art Findung – sie hat sich im Laufe der Arbeit entwickelt. Natürlich hatte ich die ersten Bilder schon bei der Recherche für das Drehbuch im Kopf. Dann kam die Idee mit den Fotografien von Saul Leiter auf, und schließlich habe ich mit meinem Kameramann Daniel Gottschalk ein paar Sachen ausprobiert. So haben wir uns dem endgültigen Look angenähert. Eigentlich ganz simpel. Man darf nicht vergessen, dass auch Kameratyp und Szenenbild den Look beeinflussen, und letzteres wiederum mit Kostüm und Maske zusammenhängt. Die leicht rötliche Haarfarbe von Margaret (Freundin von Trautmann, gespielt von Freya Mavor) ist also kein Zufall.

 

Und die Farbigkeit bei den Flashbacks?

 

Dabei hat uns Traudl Nicholson, Lead Colorist bei ARRI Media, mit ihren innovativen Ideen sehr geholfen. Sie hat es geschafft, nicht mit den üblichen Klischees zu spielen, sondern die Rückblenden etwas „kontrastiger“ zu gestalten, also etwas highkey-lastiger ausbrennen zu lassen.

 

Bei „Trautmann“ wurde mit vielen Visual Effects gearbeitet. Warum?

 

Es war ein Experiment. Denn die größte Herausforderung an diesem Film war die möglichst authentische Umsetzung der Fußballszenen. Wir dachten zunächst daran, mit mobilen Greenscreens zu arbeiten oder sogar das ganze Fußballfeld mit grünen Containern zu umstellen. Da wir aber auch die Schnelligkeit und die Wildheit des englischen Spiels einfangen und Trautmanns Emotionen rüberbringen wollten, mussten wir mit der Kamera flexibel bleiben. Somit fiel die Option Greenscreen aus und die Protagonisten mussten freigestellt werden. Die zweite Schwierigkeit waren die Fußballstadien. In Manchester sind die Tribünen sehr nah am Platz, in Wembley führt eine alte Aschenbahn rund um das Feld. Wir konnten also nicht einfach in einem alten deutschen Stadion drehen, sondern mussten ziemlich tüfteln, um für die verschiedenen Perspektiven – Overshoulder, Reporter aus dem Reporterhäuschen, Plates über die Zuschauer zum Platz mit der richtigen Neigung der Tribünen – die zwei Stadien originalgetreu hinzukriegen. Für mich war das alles ziemlich neu, Gott sei Dank haben mich mein Kameramann Daniel Gottschalk, meine drei Szenenbildner und mein First AD, Bene Hörmann, mitsamt den Spezialisten von der ARRI Medias VFX-Abteilung um Michael Koch und Jürgen Schopper dabei unglaublich gut unterstützt. Ich würde sagen, das Experiment ist geglückt.

 

Das klingt sehr aufwändig.

 

Allein für eine Einstellung mussten wir mehrere Takes von verschiedenen Drehorten koordinieren und in der Postproduktion zusammensetzen. Zum Beispiel die Overshoulder vom Sportmoderator. Wir haben also den Reporter vor uns, sehen noch die Glasscheibe seiner Kabine und blicken auf etwa 50 bis 100 Zuschauer. Real gedreht im Rosenaustadion in Augsburg. Dann drehen wir aus dem gleichen Winkel eine Plate im Karl-Mögele-Stadion, weil es dort diese Aschenbahn wie im Wembley-Stadion gibt. Unten auf dem Spielfeld sind die Fußballer. Und als drittes kommt die Gegentribüne hinzu, die ARRI nachträglich auf dem Computer eingebaut hat. Außerdem sollte alles auch noch so aussehen, als wäre es im August gewesen. Aber es hat geklappt. Auch dank der professionellen Arbeit von VFX-Supervisor David Laubsch.

 

Sie blicken dem Einsatz von Visual Effects in Zukunft also gelassener entgegen?

 

Mit Sicherheit. Ich habe viel dazu gelernt und kann Motivtouren ganz anders angehen. Zum Beispiel bei der Verlängerung von Straßen. Der Drehort für das Kriegsgefangenenlager war an der Ingolstädter Straße in München, an der im Hintergrund eine mehrspurige Straße vorbeigeht. Im Film ist da jetzt eine englische Landschaft mit Schafen zu sehen.

 

Und welche Vorstellungen hatten Sie bei der Tonmischung?

 

Es sollte so authentisch wie möglich sein. Angefangen von den Fußballstadien über die Straßenfluchten bis hin zu den Wohnungseinrichtungen. Das gilt auch für die On-Musik. Anders bei der Musik in emotionalen, spannungsgeladenen Momenten, zum Beispiel dem Song für Manchester City. Das ist in Wirklichkeit der Song vom FA Cup – „Abide with Me“ –, der vor jedem Pokalfinale als großer Event von Stars zelebriert wird. Mir ging es um den Text, der genau unser Thema widerspiegelt: die Versöhnung und die Aufnahme in eine Familie. Die subjektiven Spannungsmomente wurden mit modernem Sounddesign unterstützt.

 

Nachdem „Trautmann“ jetzt fertig ist: Wie war die Arbeit mit ARRI als Koproduzent?

 

Absolut partnerschaftlich und freundschaftlich. Ich freue mich immer wieder, das Vertrauen von ARRI zu bekommen, das ich natürlich auch nicht enttäuschen und gerne ein gutes Ergebnis abliefern möchte. Wir können richtig stolz sein auf diesen Film und die Kooperation mit ARRI Rental und den Abteilungen Color Grading, VFX und Sound von ARRI Media. Die Visual Effects waren eine große Herausforderung, ebenso die Tonmischung, die echt virtuos geworden ist. Da ist viel kreatives Know-how im Spiel. Wir haben wunderbar kooperiert und können auf ein wirklich rundes Werk schauen.

 

„Trautmann“ ist eine Produktion von Lieblingsfilm, Zephyr Films und British Film Company in Koproduktion mit ARD Degeto, SquareOne Entertainment und ARRI Media. Produzenten sind Robert Marciniak und Chris Curling. Das internationale Team drehte in Nordirland und Bayern. Dabei lieferte ARRI Rental unter anderem die Kamera ARRI ALEXA XR 4:3 mit Anamorphoten-Objektiven von Cineovision und der Hawk V-Series.

 

Seit 14. März 2019 ist „Trautmann“ im Verleih von SquareOne und im Vertrieb von Twentieth Century Fox of Germany in den deutschen Kinos zu sehen.

 

Facebook-Fanpage zum Film: https://de-de.facebook.com/trautmann.derfilm/

 

Fotos: ARRI (1, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10), SquareOne Entertainment (2), Lieblingsfilm/Fabian Rösler (3)